Donnerstag, 12. Juli 2018
Nachschub
Wir waren 40, vielleicht 45 Männer in der Turnhalle. Sie hatten uns aus den umliegenden Dörfern eingesammelt und hierher verfrachtet, nun bewachten uns die Soldaten mit ihren Maschinenpistolen. Die Soldaten, die uns doch eigentlich beschützen sollten. Aber was gab es eigentlich noch zu beschützen.

Ich sah mich um, erkannte ein paar Gesichter. Herbert war da, der Säufer aus dem Nachbardorf. Er war schon fast 60 und zitterte ziemlich. Wahrscheinlich hatte er ein paar Stunden nichts getrunken und die Entzugserscheinungen kamen zum Vorschein. Sogar Tim saß hier in der Halle, obwohl er erst 15 Jahre alt war. Er weinte die ganze Zeit leise vor sich hin, wahrscheinlich ahnte er, was ihm bevorstehen würde.

Aber auch unter den Soldaten war ein bekanntes Gesicht. Ich erkannte Joseph, mit dem ich zusammen aufgewachsen war. Seine ältere Schwester war vor 2 Jahren zum Studieren in die Stadt gezogen, kurz bevor der Krieg ausbrach, bevor die Städte bombardiert wurden. Als er die Nachricht von ihrem Tod erhielt meldete er sich freiwillig.

Heute war er mit seiner Einheit hier, um die zu holen, die nicht freiwillig kämpfen wollten. So ist das eben, im Krieg. Es brauch ständig Nachschub. An Waffen. Munition. Und natürlich auch Soldaten. Wir sollten an die Front geschickt werden, egal, ob wir dazu fähig waren oder nicht.

Ich wurde von einem der Wachleute abgeholt und in einen extra Raum gebracht. Ein Offizier ging hinter einem kleinen Schreibtisch auf und ab. Er zog das linke Bein. Wahrscheinlich seine Freifahrtskarte weg vom Kampfgeschehen. In seiner Hand hielt er eine Akte, in der ich flüchtig ein Bild von mir erkannte.

„Sie haben nicht gedient? Aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert… Das spielt heute keine Rolle mehr. Willkommen bei der Truppe. Sie werden lernen eine Waffe zu benutzen und…“

„Nein“ unterbrach ich ihn. Das erste Mal sah er mich an, unsere Blicke trafen sich. Er schien nicht überrascht, eher erbost zu sein.

„Haben Sie gerade „nein“ gesagt? Ich denke, ich habe mich verhört. Wir machen besser weiter. Also…“

„Sie haben mich sehr gut verstanden. Ich sagte nein!“

Ich zeigte ihm meinen linken Unterarm.

„Ich lebe nur noch, weil unzählige Menschen dies möglich gemacht haben. Ärzte, Pfleger, meine Familie, Freunde, Menschen, die Blut gespendet haben, denen ich nicht einmal danke sagen kann. Ich lag im Sterben, an ein Krankenhausbett gefesselt, und obwohl die Chancen schlecht standen habe ich überlebt, weil andere nicht aufgegeben haben, weil ihnen mein Leben wichtig war. Wie können sie von mir verlangen, ein anderes Leben auszulöschen, wo mein eigenes doch nur ein Geschenk ist? Ich sage nein. Ich werde kein Soldat. Niemals.“

Der Offizier verzog nur kurz sein Gesicht und blickte mir tief in die Augen.

„Sie wissen, welche Konsequenzen das für Sie hat?“
Ich nickte.

„Sie können gehen.“

Ich drehte mich um und ging langsam, aber aufrecht auf die Tür zu, während ich hörte, wie der Offizier seine Pistole aus dem Halfter zog. Ich ging weiter, schloss die Augen, lächelte, und atmete ein letztes Mal tief ein…

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Pralinen
„Das Leben ist wie ein Schachtel Pralinen…

Man weiß nie, was man kriegt“.

Vor kurzem war der Film, durch den dieses Zitat seine Berühmtheit erlangt hat wieder im Fernsehen zu bestaunen: Forrest Gump. Wahrscheinlich hat jeder diesen Satz schon einmal gehört, und jeder würde dem wohl zustimmen. Aber hat sich schon einmal jemand gefragt, was in diesem sprachlichen Bild eigentlich die Pralinen sind, die da so in „unserer“ Schachtel sind?

Wenn das Leben wirklich eine Schachtel Pralinen sein soll, dann frage ich mich, was genau sind diese Pralinen?

Es könnten die Dinge sein, die wir erleben, die wir tun. Ereignisse, so zuckersüß, unheimlich erfüllend, manchmal voller Alkohol und anderer sündiger Zutaten. So, wie wir uns an Schnapspralinen berauschen, uns mit Schokolade und Nougat und all den edlen Zutaten vollstopfen gehen wir durch unser Leben. Oft lassen wir uns treiben und merken gar nicht, dass wir doch schon satt sind, und wollen immer noch etwas mehr. Mehr Action, mehr Aufmerksamkeit, mehr Nähe, mehr Sex, mehr Geld…

Bis wir die eine Praline erwischen, die am besten gar nicht in der Schachtel sein sollte. Vielleicht bitter, vielleicht zu hart, wir beißen noch genüsslich hinein und mit etwas Pech leidet sogar der Zahn darunter. So wie bei der Pralinenschachtel ist es doch im Leben, oder? Jeder kennt solche Ereignisse, jeder hat schon einmal danebengegriffen, ohne zu wissen, was er bekommt. Selten folgen diese Fehlgriffe auf eine bewusste Entscheidung. Das Leben passiert einfach.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Was, wenn nicht unsere Taten, nicht die Dinge, die wir erleben die Pralinen sind. Was wäre, wenn es die Menschen sind, denen wir begegnen. Wir haben alle unterschiedliche Geschmäcker. Jeder mag andere Pralinen. Nicht jeder findet Nougat köstlich, Mandeln edel oder Schnapspralinen berauschend. Selbst Toffifee mag, so würde ich vermuten, entgegen des Werbeslogans nicht jeder. Und die Assoziationen zur „Wahrscheinlich längsten Praline der Welt“ will ich gar nicht beschwören.

Das gleiche gilt wohl, wenn wir Menschen begegnen. Wir haben alle unsere Filter, unsere Raster und Muster. Wir umgeben uns eher mit Menschen, mit denen uns etwas verbindet, die wir in gewisser Weise einschätzen können, die uns ähnlich sind. Wir selektieren, mit wem wir sprechen, wen wir ansehen, wem wir zuhören und sind dabei oft so schnell und flüchtig mit unserem Urteil, wie beim Blick in die Pralinen Schachtel. Denn ja, wir alle kennen diesen Moment: wir greifen diese eine strahlend schöne Köstlichkeit, ein Meisterstück der Chocolatier Kunst, die Praline, die auf der Hülle der Schachtel im Zentrum ist, perfekt ausgeleuchtet und in Szene gesetzt, beißen genüsslich hinein… Und spucken sie ganz schnell wieder aus.

Das schlimme daran ist nicht, dass es eben nicht der eigene Geschmack ist, der einen veranlasst, diese Praline nicht zu essen. Das wirkliche Problem ist: es ändert unsere Filter. Wir schauen genauer in die Schachtel und greifen eher zu den Schlemmereien, die wir kennen. Im Umgang mit Menschen ist es ähnlich. Schlechte Erfahrungen, Unsicherheiten und Zweifel schränken uns ein. So, wie wir einige Pralinen meiden, meiden wir andere Personen. Manchmal aus Angst, oder weil uns einfach der Mut fehlt, es zu probieren.

Aber wisst ihr: das Leben ist nicht, wie eine Schachtel Pralinen. Ihr könnt zwar einfach in den Supermarkt gehen und eine neue Schachtel kaufen, um endlich mal die anderen Sorten zu probieren. Aber oft entscheiden wir in Sekunden, mit wem wir reden und mit wem nicht, und nur wenn wir viel Glück haben, bekommen wir in unserem Leben eine 2. Chance. Eine Chance mit den Menschen zu sprechen, die wir vielleicht mal übersehen haben, oder bei denen wir zu schüchtern waren, um einen ersten Schritt zu wagen. Vielleicht liegen zwischen diesem ersten Sehen und Urteilen und dem tatsächlichen Überwinden der eigenen Schranken nur Tage oder Wochen. Aber manchmal sind es 8 Jahre. Also ja verdammt, man weiß nicht, was man kriegt, weder bei Pralinen, noch im Leben. Aber genau deshalb ist es so wichtig, offen zu sein, und den Mut zu haben, es einfach zu Probieren.
Wir haben die Wahl, ob wir zugreifen.
Jeden Tag.

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Umwegsrhetorik
Der nun folgende Text ist ein Auszug aus dem noch nicht erschienenen Ratgeber "Umwegsrhetorik - Mehr Worte, mehr Wucht".
Ziel des Ratgebers ist es, den unzähgligen Momenten des peinlichen Schweigens, der Phrasendrescherei und der Tendenz in Gesprächen kurz zu antworten, um wieder auf das Mobiltelefon zu schauen den Kampf anzusagen.
Nachdem in den vorangegangenen Kapieteln die Grundlagen dieses rhetorischen Trainings vermittelt wurden, widmet sich dieses Kapitel einem ganz besonderen Thema...


Kapitel 7

Liebe

„Liebe ist… zuhören.“
„Liebe ist… Händchen halten.“
„Liebe ist… füreinander da sein.“

Wenn es nach den kleinen Comic-Strips auf der letzten Seite einer großen deutschen Boulevard-Zeitung geht ist Liebe vor allem eines: eine ziemlich leichte Angelegenheit, die mit ein paar einfach zu befolgenden Ratschlägen erklärt und demnach erreicht werden kann. Das dem nicht so ist, wird wohl jeder aus eigener Erfahrung berichten können. Liebe ist zu komplex, um sie auf kurze Botschaften oder Anweisungen zu reduzieren. Die Illusion, die in einer Partnerschaft (oder im Zeitraum davor) auftreten Probleme und Unsicherheiten ließen sich quasi im Handumdrehen, bzw. „händchenhaltend“ lösen, klingt zwar verlockend, ist aber eben genau das: eine Illusion. Es gibt unzählige Situationen, die es erforderlich machen, sich Zeit zu nehmen und Liebe als das zu begreifen, was sie ist: wunderschön, aber eben auch sehr viel Arbeit.

Gerade deswegen kann es hilfreich sein, eben nicht den Weg der kurzen Antwort zu gehen. Ja, durch Umwegs-Rhetorik können nicht nur kritische Situationen umschifft, sondern auch große Momente erzeugt werden. Versetzen wir uns dazu in folgende Situation.

Zwei Menschen, die sich bereits näher kennengelernt haben sind bei einem romantischen Abendessen. Kerzen brennen, der Wein ist perfekt auf das köstliche Menü abgestimmt, man lacht, versteht sich und jeder Außenstehende kann das knistern zwischen den beiden spüren. Ja, aus diesen beiden Menschen kann ein Paar werden. Aber, wie das manchmal so ist, keiner von beiden traut sich die entscheidende Frage zu stellen. Also versucht einer es über einen Umweg und erzählt vom ersten Abend. Diese Nacht im Club, das Treffen der Blicke, das gemeinsame Tanzen, und wie der Abend nach einem Wasserpistolenduell im städtischen Springbrunnen endete. Durchnässt, Arm in Arm, während die Sonne aufging, und sich beide das erste Mal küssten. Wieder lächeln. Und dann die Frage, die alles entscheiden kann.

„Seit diesem Abend frage ich mich… Glaubst du an Liebe, auf den ersten Blick?“

ACHTUNG!

In so einer Situation, nach so einer Vorbereitung wäre eine vorschnelle und zu kurze Antwort nie gut genug. Ein einfaches „Ja“ ist nach so einer Schilderung in jedem Fall zu wenig, egal wie ernst es gemeint sein mag. Von der Variante „Seit diesem Abend: Ja!“ verabschieden wir uns auch schnell, zu viel Kitsch, zu viel Spielraum für Zweifel und Nachfragen. Nutzen Sie das, was Sie in den letzten Kapiteln gelernt haben: Mehr Worte, mehr Wucht. Ein Beispiel für so eine Antwort:

Sie sehen ihrem gegenüber in die Augen, lehnen sich zurück, und breiten folgenden Monolog aus.

„Also, ich denke, wenn wir jemandem das erste Mal begegnen, dann malen wir uns aus, wie diese Person ist, und daraus entsteht ein Bild. Wir nehmen all die Farben, Formen und Techniken, die wir über unser ganzes Leben gesammelt und erlernt haben, und entwerfen dieses Bild, um es in unserer Galeria da oben im Kopf zu platzieren. Dort sind all die Portraits der Menschen, die wir getroffen, die uns geprägt haben, mit denen wir alle schönen und traurigen Momente teilten. Die Portraits der Familie sind in einem gemütlichen Kaminzimmer, die Kollegen in größeren Hallen, Chefs vielleicht in Abstellkammern. Die guten Freunde in bunten Räumen, voller Farbe und Licht und ganz viele Bilder sind in dem Archiv, abgelegt für später, wobei einige wohl immer dort bleiben werden. Und dann gibt es diesen einen Raum, nicht besonders groß, mit nur einer Lichtquelle, inmitten der Galerie, aber nicht zugänglich für andere. Denn dort ist das schönste aller Portraits: das Bild der Person, von der wir denken, dass wir sie lieben. Es ist perfekt, und wir wollen es deshalb beschützen.

Aber ich denke, das bedeutet es, verliebt zu sein: ein wunderschönes Bild von jemandem zu haben, das aber nur unserer eigenen Fantasie entspringt. Um daraus Liebe zu machen bedarf es Mut. Den Mut, dieses Traumbild dem anderen zu zeigen, zu sagen „So sehe ich dich, das bedeutest du mir, und deshalb bist du mir so wichtig.“ Natürlich wird der andere schmunzeln, sich vielleicht geehrt fühlen, aber eben auch die Fehler in diesem „perfekten“ Bild erkennen. Er wird sagen „Hey, das ist ja alles sehr süß, aber hier, da hast du die falsche Farbe, und hier musst du über den Rand malen und überhaupt: hier benutzt du nicht die richtige Technik.“ Das Bild wird sich wandeln, mit jeder Änderung, die man dann aber gemeinsam vornimmt. Und während sich das Bild entwickelt, wird man selbst auch reifen, zusammen, mit dem anderen. Neue Farben und Formen und Techniken kommen zum Einsatz, bis das neue Bild, das gemeinsam entstandene Bild „fertig“ gemalt ist, wohl wissend, dass es immer wieder Änderungen geben wird. Doch das Portrait wird erst jetzt perfekt sein, und wir werden es aus diesem kleinen Raum herausnehmen und mitten in die Galerie hängen und sagen „Hier, das Bild, zeigt uns. Das hier, das ist Liebe.“

Warten Sie kurz, lassen Sie die Worte wirken, atmen Sie tief ein, und schließen Sie mit folgendem Satz:
„Ich weiß nicht, ob es Liebe auf den ersten Blick gibt, aber ich weiß eines sicher: ich möchte mit dir malen.“

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Donnerstag, 2. Januar 2014
Schlaflos
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann die letzte Nacht war, in der ich durchgeschlafen habe. Selbst das letzte Mal, dass ich mich hinlegte und einfach einschlief, ist lange vergessen. Dabei war das zu Bett gehen für mich einst wie ein kleines Ritual, das ich jede Nacht zelebrierte, angefangen bei der Beleuchtung durch die kleine Nachttischleute, in der kleine Spiegelplättchen aufstiegen und die Decke des Zimmers wie die Oberfläche eines Sees aufflackern ließen, den Lautsprechern um mein Bett, die leise Klänge von Bands mit wohlklingenden Namen wie „A Whisper in the Noise“ durch den Raum schwingen ließen und den schweren Vorhängen, die mein kleines Reich von der Außenwelt abschotteten und keinen unerwünschten Lichtstrahl hereinließen. Doch dieses Ritual wirkt wie ein Relikt aus alter Zeit und der Gedanke dran wirkt so fremd, als wäre es nie ein Teil meines Lebens gewesen. Die Lampe wirft ihr Licht heute an eine mit Plakaten überklebten Decke, die Lautsprecher sind lange abgebaut und die Vorhänge vor langer Zeit abgenommen. Ich habe die Welt hereingelassen, sie hat sich eingenistet, blieb und denkt nicht daran zu gehen. Mal leuchten hunderte Sterne vor meinem Fenster, wandern langsam und unaufhaltbar, immer weiter, bis sie sich meinen Blicken entziehen, in anderen Nächten schafft die Dunkelheit draußen es fast die kleinen roten Leuchten an den elektronischen Geräten, die mich umgeben, abzudunkeln, während sie sich ins Zimmer schleicht, und manchmal scheint es, als würde die Sonne versuchen, die Nacht in meinem Zimmer und meinen Gedanken zu erhellen, in dem sie dem Mond aufträgt, ihr Licht zu mir schicken und einen verschwommenen Glanz auszustrahlen. Aber selbst in diesen Momenten finde ich keine Ruhe, wälze mich in meine Kissen und Decken und nicht selten sehe ich durch mein Fenster die ersten zarten Lichtstrahlen eines neuen Tages, bevor ich die Chance hatte, den alten überhaupt abzuschließen.

Je mehr ich mir wünsche zu schlafen, so sehr ich ein wenig Ruhe ersehne um Kraft zu tanken, um morgens erholt die Augen zu öffnen, bereit der Welt entgegenzutreten, desto mehr verfalle ich meine Gedankenwelt. Zuerst dachte ich, es wäre der Krankenhausaufenthalt damals gewesen, mit dem alles begann, dieser lange Schlaf mit all diesen verworrenen, grausamen und verstörenden Träumen. Sei es der Traum, in dem Pfleger Drogen in meinem Körper schmuggelten, in der Klinik Partys feierten und rücksichtslos mit allen Patienten umgingen, oder der, in dem ich angeschossen wurde und blutend an eine Wand gelehnt lag, während jemand mir immer wieder sagte, es würde alles gut werden, sie kamen nie wieder, machen mir keine Angst. Ich glaube heute, der Auslöser kam später. Es ist nicht die Angst, dass die Träume wiederkehren, nicht die Befürchtung, wieder Monate zu schlafen, es ist die Suche nach Antworten, obwohl ich nicht einmal die Fragen weiß. Ich habe erfahren, wie verwundbar ich bin, und welche Auswirkungen es auf meine Umgebung hat, wieviel Leid ich verursacht habe, wieviel Leid ich in mir trage.

Es legte sich zuerst auf die Seele, es verdunkelt die Gedanken, schürte Schuldgefühle, Zweifel an allen Entscheidungen, egal ob sie schon getroffen waren oder ausstanden, begann sich langsam im Körper auszubreiten, im Herz, wo es Hoffnungen zerstörte, Freude auffraß und für Verbitterung, ein Abstumpfen sorgte, das nur eine Leere zurückließ. Schleichend legte es sich wie ein Filter auf die Augen, das Gehör, die Fingerspitzen, alle Sinne wurden feiner, sensibler und ich fing an die Welt anders zu erleben. Plötzlich war das Leid, das an vielen Stellen zu Tage trat, und sei es noch so klein und versteckt, wahrnehmbar. In den Augen der Mitmenschen erkannte ich ihre Wunden, im Lächeln die Unsicherheit, im Sprechen die Angst, und was als Kampf gegen die eigenen Dämonen begann transformiert. Die Erkenntnis, dass ich nicht allein war, das Leiden dazugehört, zu jedem, zu allem, zum Leben setzte sich fest. Ich musste nicht in Krankenhäuser gehen, um es zu sehen, es lauerte, überall, jederzeit umgab es mich, Krankheit, Verlust, Einsamkeit. Und dann, ohne Vorwarnung, passiert es, beinahe unmerklich nahmen die geschärften Sinne etwas auf, hier ein Sonnenstrahl, der durch Wolken brach und wärmte, dort ein Duft, der vertraute Bilder aus der Vergangenheit herauf beschwor, eine Melodie, die längst vergessen schien, ein alter Mann, der von einer Krankenschwester geleitet unter großer Anstrengung seinen Rollator über einen Gang schob, welche ihn aber nicht davon abhielt mit einem Lächeln seiner Begleiterin Gothe zu rezitieren. Ich erkannte, das Leid nur ein Teil des Lebens war, aber dass es so viel mehr gab. Es passierte schleichend, aber ich nahm die Schönheit in kleinen Dingen, einen Schmerz der nachließ, ein Wort das tröstete und einen Moment der Ruhe wahr, bevor ich schließlich merkte, wie von allen Dingen ein besonderer Glanz ausging, wie in der Luft die verschiedensten Gerüche vermischt waren, wie es überall Hoffnung, Freude und Liebe zu finden gab.

Ich glaube, deshalb schlafe ich so schlecht, weil es so viel da draußen gibt, so viele Details, so viel Freude, so viel Leben. Weil ich denke, dass jeder Moment wichtig ist, jeder Sekunde ein Zauber innewohnt, der nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

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Samstag, 14. Dezember 2013
Krankenhausgedanken
Ich versuche mir immer wieder einzureden, dass ich vor nichts Angst habe. Körperliche Schmerzen sind nichts, was ich angenehm finde, aber ich habe sie so oft erfahren, dass sie mir keine Angst machen. So ist es mit den meisten Dingen. Ich habe sie alle in einer oder anderer Form erfahren. Sie waren teilweise niederschmetternd, zerstörend, zersetzend, aber ich habe sie überstanden, es machte mich härter. Vielleicht stumpfte es mich auch ab. Und jetzt gibt es nichts, wovor ich noch Angst haben müsste. Zumindest rede ich mir das ein.

Denn es gibt eine Sache, die mir panische Angst macht. Seit Jahren ist diese Angst wie ein Stachel in meinem Kopf. Die meiste Zeit schaffe ich es, ihn klein zu halten, wie einen Splitter. Doch dann gibt es Momente in denen er groß und größer wird, bis er schließlich wie ein Speer ist, der sich durch meinen ganzen Körper bohrt. Die Angst vor dem Tod.

Ich habe nie an höhere Mächte geglaubt. Ich habe mir die Religionen angeschaut, Philosophien studiert, um zu lernen, meine Angst zu bezwingen. Vergeblich. Die Vorstellung einer Ewigkeit, ohne das ich darin existiere verursacht Panik in mir, schnürt mir die Luft ab und lässt mich unruhig und nervös aufschrecken, Tränen im Auge und Risse im Herzen. Dabei habe ich den Tod schon zwei Mal besiegt. Oder eher verschoben. Der Gedanke, dass alles, was ich tue, ein Geschenk, ein möglicherweise unglaublicher Zufall oder einfach Glück war, lastet auf mir. Ich will gerade deshalb mein Leben auskosten, weil es schon vorbei hätte sein können. Aber ich schaffe nicht einmal das.

Bei all den Dingen, die mir widerfahren sind, müsste ich vielleicht verzweifelt sein, lebensmüde, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Konfrontation mit dem Tod hat nur dazu geführt, dass ich mich noch mehr ans Leben klammere. Vielleicht ist die Erkenntnis nach all der Philosophie eine einfache. Camus sagte, dass Leben sei absurd und ohne höheren Sinn, deshalb wäre Selbstmord der logische Ausweg. Aber da das der Sieg des Absurden wäre bleibt nur eins: weitermachen!
Ich mache schon sehr lange weiter, und es wird immer absurder.

Es gibt diesen abgedroschenen Spruch, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Das ist Blödsinn. Das Leben schreibt nicht die besten, es schreibt alle Geschichten. Es sortiert nicht nach Größe, Bedeutung, Wirkung, Sinn oder Logik. Es schreibt einfach. Jeden Moment, eine riesige Geschichte, mit Milliarden Hauptdarstellern, nur, dass wir immer nur den Teil sehen, der uns betrifft. Mal sind wir im Mittelpunkt und mal meilenweit davon entfernt, aber als Teil der Geschichte gehören wir dazu, ohne feste Rolle, als improvisierende Schauspieler werden wir vom Leben getrieben, umhergeschleudert, an fremde Orte, zu fremden Menschen, durch Stürme und Unwegsamkeiten geschickt, immer auf der Suche, nach Zielen, die uns das Leben ganz nebenbei in die Regieanweisungen schreibt, die wir in uns aufnehmen, und ohne es zu bemerken, jagen wir dahin, im Glauben, die volle Kontrolle über unser Schicksal zu haben, während das Leben sich schon ganz andere Wendungen für uns ausdenkt.

Vielleicht ist der Tod deshalb etwas, dass mir so große Angst macht. Auch wenn wir durchs Leben getrieben werden, ohne es so wahrzunehmen, die Kontrolle über das Ende liegt nicht bei uns. Wir sind Spielbälle, die umhergeschleudert werden und irgendwann einfach verbraucht sind. Und dieser Gedanke ist hart. Der härteste. Jedenfalls dachte ich das immer.

Es gab nie etwas, das ich als schlimmer empfunden habe, als diese Panik, im Gedanken an die Ewigkeit. Doch ich irrte mich, ich habe es gespürt, vor kurzer Zeit. Diese Angst, mit all ihren Folgen, ihrer Unruhe, dem Wunsch, den Gedanken weit in sich zu begraben, im Wissen, ihn nie ganz loszuwerden. Doch es war nicht der Tod, der mich in Panik versetzte, es war etwas anderes. Und es lässt mich glauben, dass vielleicht alles absurd, aber nicht sinnlos ist. Dass es etwas gibt, für das es sich lohnt, zu kämpfen. Ich glaube das Leben hat eine Menge Spaß daran, uns unsere Fehler aufzuzeigen, uns damit zu verfolgen, um uns zu testen, ob wir sie erkennen, und ob wir reagieren. Nehmen wir sie hin, verzweifeln wir, geben wir auf, dann wäre das wohl der Sieg des Absurden, dass sich uns in den Weg stellt um uns zu verhöhnen, uns immer wieder an die schlimmsten Augenblicke zurückbringt. Aber sollte das Stimmen, gibt es nur eine Lösung. Dem Absurden den Kampf anzusagen, sich ihm zu stellen, um es zu überwinden. Um weiterzumachen, um die Angst zu besiegen.

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