Donnerstag, 12. Juli 2018
Nachschub
Wir waren 40, vielleicht 45 Männer in der Turnhalle. Sie hatten uns aus den umliegenden Dörfern eingesammelt und hierher verfrachtet, nun bewachten uns die Soldaten mit ihren Maschinenpistolen. Die Soldaten, die uns doch eigentlich beschützen sollten. Aber was gab es eigentlich noch zu beschützen.

Ich sah mich um, erkannte ein paar Gesichter. Herbert war da, der Säufer aus dem Nachbardorf. Er war schon fast 60 und zitterte ziemlich. Wahrscheinlich hatte er ein paar Stunden nichts getrunken und die Entzugserscheinungen kamen zum Vorschein. Sogar Tim saß hier in der Halle, obwohl er erst 15 Jahre alt war. Er weinte die ganze Zeit leise vor sich hin, wahrscheinlich ahnte er, was ihm bevorstehen würde.

Aber auch unter den Soldaten war ein bekanntes Gesicht. Ich erkannte Joseph, mit dem ich zusammen aufgewachsen war. Seine ältere Schwester war vor 2 Jahren zum Studieren in die Stadt gezogen, kurz bevor der Krieg ausbrach, bevor die Städte bombardiert wurden. Als er die Nachricht von ihrem Tod erhielt meldete er sich freiwillig.

Heute war er mit seiner Einheit hier, um die zu holen, die nicht freiwillig kämpfen wollten. So ist das eben, im Krieg. Es brauch ständig Nachschub. An Waffen. Munition. Und natürlich auch Soldaten. Wir sollten an die Front geschickt werden, egal, ob wir dazu fähig waren oder nicht.

Ich wurde von einem der Wachleute abgeholt und in einen extra Raum gebracht. Ein Offizier ging hinter einem kleinen Schreibtisch auf und ab. Er zog das linke Bein. Wahrscheinlich seine Freifahrtskarte weg vom Kampfgeschehen. In seiner Hand hielt er eine Akte, in der ich flüchtig ein Bild von mir erkannte.

„Sie haben nicht gedient? Aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert… Das spielt heute keine Rolle mehr. Willkommen bei der Truppe. Sie werden lernen eine Waffe zu benutzen und…“

„Nein“ unterbrach ich ihn. Das erste Mal sah er mich an, unsere Blicke trafen sich. Er schien nicht überrascht, eher erbost zu sein.

„Haben Sie gerade „nein“ gesagt? Ich denke, ich habe mich verhört. Wir machen besser weiter. Also…“

„Sie haben mich sehr gut verstanden. Ich sagte nein!“

Ich zeigte ihm meinen linken Unterarm.

„Ich lebe nur noch, weil unzählige Menschen dies möglich gemacht haben. Ärzte, Pfleger, meine Familie, Freunde, Menschen, die Blut gespendet haben, denen ich nicht einmal danke sagen kann. Ich lag im Sterben, an ein Krankenhausbett gefesselt, und obwohl die Chancen schlecht standen habe ich überlebt, weil andere nicht aufgegeben haben, weil ihnen mein Leben wichtig war. Wie können sie von mir verlangen, ein anderes Leben auszulöschen, wo mein eigenes doch nur ein Geschenk ist? Ich sage nein. Ich werde kein Soldat. Niemals.“

Der Offizier verzog nur kurz sein Gesicht und blickte mir tief in die Augen.

„Sie wissen, welche Konsequenzen das für Sie hat?“
Ich nickte.

„Sie können gehen.“

Ich drehte mich um und ging langsam, aber aufrecht auf die Tür zu, während ich hörte, wie der Offizier seine Pistole aus dem Halfter zog. Ich ging weiter, schloss die Augen, lächelte, und atmete ein letztes Mal tief ein…

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